Test - Tyranny : Genial: so viele Entscheidungen, so viele Möglichkeiten
- PC
Aller Anfang ist schwer
Etwas Überwindung kostet es, sich in eine komplett neue Spielwelt mit all ihren Figuren, geschichtlichen Hintergründen und Parteien hineinzuversetzen, die man nicht kennt. Das macht Entscheidungen schwer, weiß ich doch nicht, wer da gerade eigentlich von wem spricht und was der sich in den Kopf gesetzt hat. Doch vor ähnlichen Hürden standen die Entwickler schon öfter und sie haben sich etwas Originelles einfallen lassen: wichtige Wörter und Namen sind in den Unterhaltungen markiert und können angeklickt werden. Prompt folgen alle wichtigen Informationen zu diesem Stichwort.
Seine Stärken entfaltet Tyranny in der Art und Weise, wie man das Spiel erlebt. Das wird durch Gefährten unterstützt, die mich lieben aber auch hassen können, die Ereignisse und Taten kommentieren. Und durch eine gute Dramaturgie, die man nicht in jedem Rollenspiel finden kann. Die ausführlichen Dialoge und die sauber geschriebenen und übersetzten Texte untermalen das Gesamtbild mit einem feinen Pinselstrich.
Motzen auf hohem Niveau
Doch wo gehobelt wird, da fallen nun mal auch Späne. Gekringelt fallen sie zu Boden und zeigen, dass auch dieses (Beinahe-)Meisterwerk seine fauligen Stellen hat. Das beginnt mit den kleinen, nur unzureichend bestückten Arealen, führt über eine nicht drehbare Kamera, die mich mehrfach fast in den Wahnsinn getrieben hätte, und endet bei Macken im Detail, die ich mir einfach nicht erklären kann.
Zum Beispiel die Feind-KI, die anscheinend nicht weiter als fünf Meter sehen kann und ihren Kameraden gerne mal dabei zusieht, wie sie von mir auf die Mütze bekommen, oder die Tatsache, dass Stehlen keine Konsequenzen nach sich zieht. Ich kann rasten, obwohl die bösen Buben um mich herumstehen, und die Wegfindung verwandelt sich dann und wann in ein zickiges Weib mit Drogenproblemen. Es sind die Details, ganz klar, in denen nicht nur der Teufel steckt, der überdies seinen Schabernack mit uns zu treiben scheint.
Ihr seht, worauf ich hinauswill? Der technische Aspekt ist das größte Manko in diesem beinahe schon altmodischen Rollenspiel. Das zeigt sich auch in der Vertonung, die es nur recht sporadisch gibt. Wie erwähnt sind die Texte gut geschrieben, aber sie sind halt genau das: Texte. Worte wie eine Wand. Endlose Sätze, Fragen, Antworten, Möglichkeiten, Informationen. Buchstabe neben Buchstabe, Satz neben Satz und Absatz unter Absatz.
Wer bis hierhin gelesen hat, bringt gute Voraussetzungen mit, seinen Spaß mit Tyranny zu haben. Denn die Inhalte in diesem Spiel sind weitaus interessanter als mein Geschreibsel hier. Ihr lest also gerne. Habt Sitzfleisch. Das ist gut. Genau das werdet ihr brauchen. Und ihr solltet ihr Spaß am Lesen haben. Wer das nicht von sich behaupten kann, braucht gar nicht darauf zu hoffen, nur das Nötigste zu überfliegen und einfach mal loszuziehen. Ihr werdet verloren sein. Seid also gewarnt. Die Inhalte wurden spannend und sehr interessant gestaltet. Aber sie kommen in großer Zahl.
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